LANGEWEILE  -  AUFMERKSAMKEIT

Quelle: Taijiquan & Qigong Journal (Ausgabe 4/2005), ergänzt von Sifu Frank Peters

 

„Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenden Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele Ennui aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung.“  (Blaise Pascal – frz. Philosoph und Mathematiker, † 1662)

 

 

Langeweile: Als unangenehm, lästig empfundenes Gefühl des Nicht-ausgefüllt-Seins, der Eintönigkeit, Ödheit, das aus Mangel an Abwechslung, Anregung, Unterhaltung, an interessanter reizvoller Beschäftigung entsteht.  (Brockhaus)

 

Aufmerksamkeit: Konzentrierte Wahrnehmungsbereitschaft. Psychischer Zustand gesteigerter Wachheit und Aufnahmebereitschaft, bei dem das Bewusstsein auf bestimmte Objekte, Vorgänge, Gedanken ausgerichtet ist. Die Aufmerksamkeit kann willkürlich (z.B. durch Interessen) gelenkt oder unwillkürlich (passiv) durch Reize erregt werden.  (Brockhaus)

 

 

Langeweile ist ein Gefühl der Lustlosigkeit, des mangelnden Elans oder des Desinteresses. Es ist im Allgemeinen das Gegenteil von Spaß, Freude und Kurzweil. Langeweile entsteht oft durch sich wiederholende Ereignisse, aus denen man nichts Interessantes oder Aufmunterndes mehr gewinnen kann oder will.

 

Wer kennt sie nicht, die Momente der Langeweile, die wir am liebsten schnell hinter uns lassen, weil wir sie nicht aushalten. Wir tun alles, um schon gar nicht in eine solche Verfassung zu geraten. Gelegenheiten, sich zu beschäftigen und etwas zu unternehmen, gibt es heute mehr denn je. Informationsflut, Mobilität, Freizeit- und Unterhaltungsangebote nehmen ständig zu. An einem Ort „lange zu weilen“ ist nicht gefragt. Eine psychologische Interpretation besagt, dass „inmitten der totalen Spaßgesellschaft Langeweile sich entpuppt als die intelligente Antwort auf ein überbordendes Angebot aus Dekadenz und Völlerei.“ Vielleicht ein Schritt in Richtung Innehalten, aufmerksamer Selbstbeobachtung?

 

Langeweile kann auch aufkommen, wenn wir etwas wiederholt üben und nichts neues mehr erfahren dabei. Der Ehrgeiz, eine Taiji-Form oder eine Folge von Qigong Bewegungen auswendig zu lernen und neue Erfahrungen zu machen, hält uns zunächst wach bei der Sache. Doch wie ist es, wenn wir es „können“, wenn wir uns nicht mehr auf die äußere Abfolge konzentrieren müssen und das Anfängerglück sich allmählich verflüchtigt? Wie schnell sind wir dann geneigt, auf etwas anderes auszuweichen oder ganz aufzuhören?

Gerade die Wiederholung im Taiji und im Qigong bietet aber eine Chance zu vertieften Erfahrungen und beglückenden Erlebnissen, wenn wir uns etwas mehr der Qualität der Aufmerksamkeit zuwenden.

Aufmerksamkeit ist zum einen die Konzentration, die Zuwendung auf ein Objekt, wie z.B. dem äußeren „korrekten“ Ablauf oder einem gewissen Aspekt der Übung. Zum anderen ist Aufmerksamkeit die innere Haltung einer offenen Präsenz, die alles mit einschließt und verbindet. Der Geist richtet sich nicht nur auf das Tun, auf das, was „herauskommt“, sondern auch auf das, was „hereinkommt“ in den Menschen als bewusste und intensive Erfahrung der Gegenwart mit allen Sinnen, mit Herz und Verstand.

 

 

Anmerkung: Gleiches gilt auch für die Formen im Kwoon Do. Das Üben der Formen ist ein fester Bestandteil in unserem Training. In fast jeder Trainingseinheit hat man die Gelegenheit, die Kata – entweder auf sich allein gestellt oder in der Gruppe – zu trainieren. Dabei fällt gerade bei den Anfängern auf, dass die wenigen Formen, die selbständig geübt werden können, oft lustlos ausgeführt werden und schon nach kurzer Zeit „die Luft raus“ ist. Durch die ständige Wiederholung wird das Formentraining zur Routine und als uninteressant empfunden. Eine Verbesserung ist so nicht möglich, die Erfolgserlebnisse bleiben aus.

Wenn man sich wirklich verbessern möchte, ist es wichtig, neue Trainingsreize zu setzen und die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten. So kann man sich Aufgaben stellen, die man nach und nach abarbeitet. Man sich z.B. bemühen, tiefer in die Stände reinzugehen, höhere Tritte auszuführen oder die Atmung mit dem Fluss der Techniken in Einklang zu bringen. Auch schwierige Techniken und Kombinationen sollten einem auf diese Weise mit der Zeit leicht von der Hand gehen. Erst wenn ich über den Ablauf und die Ausführung der einzelnen Techniken nicht mehr nachdenken muß, kann ich meine Aufmerksamkeit nach innen richten.

Ein Ziel des Trainings ist, dass man sich beim Laufen der Kata wohl fühlt. Dieser „Wohlfühleffekt“ wirkt auch nach außen: ein Zuschauer wird den Eindruck haben, als wäre die Ausführung dieser Kata spielerisch leicht – und genau so sollte es sein. Ein gequälter Gesichtsausdruck oder gar ein Kopfschütteln machen selbst die schönste Form kaputt und diese wird weder beim Zuschauer noch bei den prüfenden Danträgern gut ankommen.

 

 

Das am nächsten liegende, deshalb vielleicht schwierigste und wirkungsvollste Übungsfeld für die Aufmerksamkeit ist jedoch der Alltag. Die kleinsten Begebenheiten, die normalsten Handlungen, die unscheinbarsten Dinge können plötzlich leuchten, einen tieferen Sinn bekommen, das Leben erfüllen, wenn wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. Nicht im Sinne von Interpretation, von Hinterfragung und Analyse, sondern in der Fähigkeit, sich zu wundern (wie die Kinder...), mit offenem Herzen sich berühren zu lassen, Mitgefühl und Dankbarkeit zu entwickeln. Nichts ist so unbedeutend und selbstverständlich, als das es nicht Gegenstand unserer Aufmerksamkeit sein könnte.

 

Langeweile und Momente des Glücks sind nicht so weit voneinander entfernt als es scheint. Was es vielleicht braucht, um vom einen hin zum anderen zu kommen ist Aufmerksamkeit. Eine Veränderung im Inneren, nicht im Außen. Alltägliche Praxis ist der Schlüssel dazu.

 

  

Anmerkung: Im Folgenden noch eine kleine Anekdote zum Thema Aufmerksamkeit. Eine wichtige Lektion habe ich als Weissgurt bei Sifu Volker Frohnhoff gelernt:

 

Bei einem Kwoon Do Lehrgang hatte Sifu Frohnhoff die Anfänger-Gruppe übernommen. Frage von Volker an die Weissgurte in der Runde: Was ist das Wichtigste im Kwoon Do? – Einige Hände gingen in die Höhe und es wurden viele Antworten gegeben, von Schnelligkeit über Kraft bis hin zum Ausweichen - alle waren falsch!

 

Schließlich gab Volker selbst die Antwort: Aufmerksamkeit!

 

Volker stellte gleich die nächste Frage: Was ist das Zweitwichtigste? – es folgten Achselzucken und stille Mutmaßungen in der Runde...

 

Volkers Antwort: Na, auch Aufmerksamkeit!

 

Frage: Und das Drittwichtigste?  -  Vielleicht....  Aufmerksamkeit?

 

Antwort: Genau!

 

 

Es ist manchmal schon erstaunlich, wie sehr einem solche Erlebnisse in Erinnerung bleiben. Etwa 12 Jahre sind seitdem vergangen, und ich muß auch heute noch darüber schmunzeln...

 

 

Vielen Dank an dieser Stelle an Sifu Pascal Czekala, der den Artikel zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.